Noga Erez

Wer einen Blick auf die Welt haben will, wie sie ist, darf sich auch ganz weit von ihr entfernen, ganz hoch hinaus gehen. Auf ein Dach, das über der Stadt Tel Aviv liegt, beispielsweise. Dort sind Noga Erez und ihre beiden Mitstreiter im Video zum neuen Track "Toy" zu sehen - mit ihren Moves zu schweren Bass-Beats, begleitet von einem irritierend theatralischen Gesang aus dem Off, der vom Synthesizer stammen könnte (oder einem Synthesizer, der sich in der Oper verirrt hat). "Toy" ist die Ballade von der Macht, von Machtmissbrauch, von ungerechter Vererbbarkeit von Macht. Noga singt "I wear a crown, with my head down" aus der Perspektive des Mächtigen, der sich hat verbiegen lassen...
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Wer einen Blick auf die Welt haben will, wie sie ist, darf sich auch ganz weit von ihr entfernen, ganz hoch hinaus gehen. Auf ein Dach, das über der Stadt Tel Aviv liegt, beispielsweise. Dort sind Noga Erez und ihre beiden Mitstreiter im Video zum neuen Track "Toy" zu sehen - mit ihren Moves zu schweren Bass-Beats, begleitet von einem irritierend theatralischen Gesang aus dem Off, der vom Synthesizer stammen könnte (oder einem Synthesizer, der sich in der Oper verirrt hat). "Toy" ist die Ballade von der Macht, von Machtmissbrauch, von ungerechter Vererbbarkeit von Macht. Noga singt "I wear a crown, with my head down" aus der Perspektive des Mächtigen, der sich hat verbiegen lassen. Sein "Toy" tanzt jetzt den Untertanen auf der Nase herum, und Noga Erez gibt beiden ein paar Kicks mit den Springerstiefeln auf den Weg; das Video wurde am internationalen Frauentag 2017 veröffentlicht.
Nach "Dance While You Shoot" und "Pity" ist "Toy" das dritte starke Statement, das die Künstlerin aus Tel Aviv im Vorlauf zu ihrem Debütalbum in die Welt setzt. "Mit der Musik habe ich mich an der Realität abgearbeitet, auf eine ganz natürliche Weise", sagt sie. "Ich kann das, was um mich herum passiert, nicht ignorieren." Damit meint die im Jahr 1990, nur ein paar Tage vor dem Beginn des Golfkrieges geborene Musikerin natürlich ihre Heimat Israel, die tägliche Gewalt und den Terror vor allem an den Grenzen. Wir hier sprechen vom "Nahostkonflikt", der eine gefühlte Ewigkeit zu unserem Tagesschauprogramm gehört, von Verstehen kann da keine Rede sein.
Noga Erez veröffentlicht jetzt mit "Off The Radar" kein "Begleitbuch" zu diesem Konflikt, aber sie reflektiert ihre Situation in der politisch aufgeheizten Umgebung in vielen der 10 Tracks und 5 Interludes. Sie ist sich ihrer privilegierten Stellung bewusst - als Künstlerin in einer Stadt wie Tel Aviv, die sie als vergleichsweise liberal beschreibt. Man kann das jetzt nachhören in der brüchigen R'n'B-Ballade "Worth None" - in der Schilderung eines sehr persönlichen Moments. "Ich liege im Bett mit dem Gefühl von Sicherheit. So sicher und beschützt sind andere nicht. Ich kann glücklich sein, weil ich ein Dach über dem Kopf habe, was für andere nicht gilt", erzählt Noga Erez. "Der Song entstand aus einem schweren Schuldgefühl, das sich einstellt, wenn man vergleicht. Das ist ziemlich abgefuckt."
"Dance While You Shoot" ist das Vorzeigestück aus dem Elektro&Bass-Repertoire der Künstlerin. Es geht um "unsere Abhängigkeit von einem politischen System, dem wir misstrauen", es rotiert auf einem schweren Bass- und Beat-Bumms, und wird von einem Video der jungen Londoner Kreativ-Filmer Zhang + Knight begleitet. Der Track sammelt in der englischsprachigen Presse schon Superlative ein: "innovativ", "explosiv", "die Kombination aus Musik und Visuals ist so gut wie unschlagbar". Wenn Noga Erez mit ihrer hypnotischen Stimme Schneisen in den wild mäandernden elektronischen Parcours schlägt (hier sind Vergleiche mit M.I.A. in ihren besten Jahren erlaubt), wenn diese Stimme sich gelayert und via Autotune noch ganz woanders hindreht, entstehenden diese paralysierenden Musiken, irgendwo in der Mitte zwischen dem schönen Lied und dessen Auflösung im Geräusch.
"Die Stimme ist mein erstes Instrument gewesen. Sie ist auch das intuitivste Instrument. Es hat aber lange gedauert, bis ich verstanden habe, was ich an einem Sänger mag und wie ich meine eigene Stimme finden kann." In diesem Prozess begleitet hat sie ihr heutiger musikalischer Partner und Co-Produzent Ori Rousso. "Seine Art Musik zu betrachten, veränderte mich auf radikale Weise. Mit ihm habe ich Unabhängigkeit und Partnerschaft kennen gelernt. Das scheinen zwei sich gegenüberstehende Dinge zu sein, in unserem Fall aber sind sie dasselbe."
"Die Musik ist ihre weapon of choice", schrieb die SPEX zuletzt. Eigentlich immer schon - Noga Erez hat als Kind zu der Musik gesungen, die sie mitbekam, später Piano- und Gesangsunterricht genommen, sie war Background-Sängerin in der Indie-Folkband The Secret Sea und gründete zur selben Zeit ein Jazz-Trio, das sie heute als Teil ihres "Studiums" betrachtet. Ein Versuch, der ihr aber keine musikalische Heimat geben konnte. "Ich habe mit sehr vielen Dingen experimentiert, und viele unerwartete Dinge passierten dabei", sagt sie. Dabei lernte sie vor allem eines: "Ich wollte so unabhängig wie nur möglich in der Aufnahme und der Produktion sein."
"Hear me no one/ sees me no one/ I'm off the radar". Die Selbstverortung an anderer Stelle auf dem Album. Noga Erez wird diese Lyrics bald korrigieren müssen. 2017 werden ihre messerscharfen Elektro-HipHop-Attacken und die quecksilbrigen Synthie-Pop Tracks auf großen Bühnen gespielt, sie trat bereits beim "SXSW" auf und ist für das "Primavera"-Festival in Barcelona gebucht. Sie hat den Moment gefunden, mit ihrer Musik rauszugehen und uns dahin mitzunehmen, wo Pop Glam wird und im selben Moment so weh tun kann.
"Off The Radar" ist ein Dokument der Unabhängigkeit geworden, ein fulminantes Debüt, kraftvoll strahlend, heftig schmerzend und in jedem Moment auf dem Sprung, in eine andere, neue Bedeutung. Noga Erez wird uns dieses Jahr nicht mehr loslassen, sie definiert gerade ein Stück weit den Sound der Zeit inmitten von politischen Bestandsaufnahmen. Das ist Pflicht für den Pop 2018

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