Mule & Man

„Wir zwei hatten keinen Bandnamen und wir hatten keine Erwartungen. Niemand wusste, dass wir uns fast jeden Tag trafen.“ Bis jetzt. Adelsexperten aufgepasst! In der Pop-Thronfolge tut sich etwas. Der Kaiser treibt es mit dem Narren, der Diktator hat einen Mitdiktator. Während wir nichtsahnend der Sommersonne frönten, über das miese Winterwetter twitterten und uns schließlich wieder zum Eisessen neben den Skatepark fläzten, heckten Tobias Jundt alias Bonaparte und José Antonio Garcia Soler alias Kid Simius in Tobias’ geheimen Studio mit Spreeblick ihr gemeinsames Projekt aus...
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„Wir zwei hatten keinen Bandnamen und wir hatten keine Erwartungen. Niemand wusste, dass wir uns fast jeden Tag trafen.“ Bis jetzt. Adelsexperten aufgepasst! In der Pop-Thronfolge tut sich etwas. Der Kaiser treibt es mit dem Narren, der Diktator hat einen Mitdiktator. Während wir nichtsahnend der Sommersonne frönten, über das miese Winterwetter twitterten und uns schließlich wieder zum Eisessen neben den Skatepark fläzten, heckten Tobias Jundt alias Bonaparte und José Antonio Garcia Soler alias Kid Simius in Tobias’ geheimen Studio mit Spreeblick ihr gemeinsames Projekt aus. Und so viel sei vorweggenommen: Die Zwei setzen auf das richtige Pferd, pardon, Maultier, nennen sie sich doch nun Mule & Man.
Beide kennen jeden noch so kleinen Berliner Club ebenso von innen wie die deutschen Charts. Tobias hat als sympathisch-strenger Vorsteher seiner eskapistischen Krawallbande Bonaparte Hits wie „Anti Anti“ und „Into the Wild“ gelandet und sich zuletzt mehr und mehr elektronischen Einflüssen zugewandt. José Antonio Garcia Soler sorgte als Kid Simius mit seinem Album „Wet Sounds“ sowie u.a. einer EP auf Katermukke für Aufsehen.
Kennengelernt haben sich José und Tobias schließlich vor zwei Jahren auf einem Festival, wo man zufällig dem Konzert des jeweils Anderen beiwohnte. Gegenseitig für geil befunden. Nummern getauscht. Jam-Session ausgemacht. Mal gucken, was da kommt. „Wir haben uns erstmal getroffen und ein bisschen rumgefummelt“, erinnert sich José. „Man spielt oft mal mit Leuten einfach so zusammen, aber nur mit Tobias gab es dieses schöne Gefühl.“ Aus dem „ergebnisoffenen“ Projekt, so Tobias, „hätte auch nichts entstehen können, aber dann entstand ganz viel.“ Knapp 20 Stücke im Zeitraum eines Jahres.
Für den Schweizer Gewohnheitsalleinherrscher war die Zusammenarbeit eine erfrischende Abwechslung: „Es ist cool, mal zu zweit zu sein. Zwei Producer finden schneller eine Meinung. Und wir haben das Studio als Spielplatz benutzt.“ Man könnte auch sagen: als Co-working Space, denn, so José: „Wir haben oft alleine und parallel gearbeitet. Einer kam mit Beats an, der Andere mit einem Riff.“ Dann saß man mit Kopfhörern auf im gleichen Raum. Tobias: „José hat mich dann immer gepusht: ‘Komm, hier, einsingen! Gut. Danke. Fertig. Tschüss!’ Ich hätte wahrscheinlich noch drei Tage lang daran gesessen.“
Fürs Erste hat sich das neue Duo dazu entschieden, eine EP mit fünf Stücken zu veröffentlichen; gemischt von Tropf (Beginner, Jan Delay), gemastert von Dog Young. Ist es also eine HipHop-Scheibe geworden? Mitnichten.
Ein Synthie-Geblubber öffnete die Tür hinein in das Klanglabor namens „Dark Room“, welches sich mutmaßlich in Tunesien befindet. Aber wer weiß das schon so genau. Und dann kommen da diese verzerrten Fanfaren und ein massiver Bass – das Labor entpuppt sich als Hexenhaus auf riesigen Krähenfüßen, steht auf und stapft davon, hinaus in die Wüste, wo ihm mit „One Hand Clap“ ein abgestürzter Ikarus begegnet. Dieser fantasiert sich an einer federleichten Hook eine Oase der Melancholie herbei. Wie die Hitze da plötzlich strahlt, wie sich die Musik zum Sonnensegel der Träume spannt. Seltsam fern wirken die Claps.
Als ob das nicht schon genug Kopfkino wäre, hauen einem Mule & Man auch noch „Wolfmother“ um die Ohren, diese „emotionale Single, wenn es so etwas geben würde“, findet Tobias: ein erhabenes Mantra auf einer schillernden Wand aus Electronica. Ein Ass aus dem Ärmel, auf das „Until We Die“, eine kleine, instrumentale Elegie in der Abendhitze, folgt. Zum Schluss dann mit „10k Types Of Torture“ doch noch mit einer Balearic-Ballade. Zumindest für die ersten 19 Sekunden. Aber dann wird das Lied seinem Titel gerecht, fährt die Basswalze auf und erzählt von Gouillotinen und einem Schlangenbett—ein echter Herzensbrecher, der zum Schluss mit einem Dancehall-Beat überrascht.
Nie zuvor hat Tobias derart romanhafte, düstere Texte geschrieben. Selten hat man die beiden Freigeister in ihrem bisherigen Schaffen so variabel erlebt: „Wir waren von Anfang an polyvalent und haben uns auf verschiedene Stile eingelassen“, blickt José zurück. Auf die sonst bei beiden so präsenten Gitarren hat man dafür allerdings verzichtet: „Diese Lieder haben nicht die Farbe für Gitarren gehabt“, so Josés Urteil wider den Saiten. „Bei Mule & Man sind sie zwar noch da, aber im Hintergrund.“ Fassen wir also nochmal zusammen: Mule & Man, das sind Tobias Jundt und José Antonio García Soler, Bonaparte und Kid Simius. Zwei Ritter der Unvernunft, die ihre Schwerter kreuzen, um gemeinsam gegen die Windmühlen der Langeweile in den Kampf zu ziehen. Und für Tobias war dieser schon erfolgreich: „Es ist total befreiend, nicht eine Woche lang an einer Bass Drum zu sitzen, oder, wie in Josés Fall, sich zu überlegen, was sich auf Pimiento reimt.“
Laut José wäre er dabei aber ohnehin keine große Hilfe: „Tobias’ Spanisch? Die Sachen, die er kann, die kann er gut.“ Sagt der Andalusier und grinst breit. Da haben sich zwei gefunden. Und wir wissen schon, was wir diesen Herbst machen werden.

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