Die Heiterkeit

Die erstaunliche Musikgruppe "Die Heiterkeit" hat ein neues Album aufgenommen, und getreu dem Motto »Weniger wollen, mehr machen« sind es gleich zwei Alben geworden, die nur so tun, als wären sie eines – 20 Lieder, 66 Minuten Spielzeit und ein genialer Titel: »Pop & Tod I+II«. Das alles ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, der Infotextverfasser weiß gar nicht, wo er anfangen soll, hat sich aber vor allem vorgenommen, nicht hysterisch zu werden, sondern in aller gebotenen Gelassenheit über den Sachverhalt Bericht zu erstatten...
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Die erstaunliche Musikgruppe "Die Heiterkeit" hat ein neues Album aufgenommen, und getreu dem Motto »Weniger wollen, mehr machen« sind es gleich zwei Alben geworden, die nur so tun, als wären sie eines – 20 Lieder, 66 Minuten Spielzeit und ein genialer Titel: »Pop & Tod I+II«. Das alles ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, der Infotextverfasser weiß gar nicht, wo er anfangen soll, hat sich aber vor allem vorgenommen, nicht hysterisch zu werden, sondern in aller gebotenen Gelassenheit über den Sachverhalt Bericht zu erstatten.

Rückblende: Im Jahr 2010 tauchten Die Heiterkeit in der Hamburger Musikszene auf – ein Trio, das stoischen Indieschrammelrock der alten Schule spielte, relativ gelangweilt über nichts Bestimmtes sang und dabei alles andere als heiter klang. Das Logo der Band war ein skeptisches Smiley mit geradem Strich als Mund, die erste EP hatte keinen Namen, es gab Jutebeutel, einen Hype, Liebe, Ironieverdacht und Argwohn. Meinen die das ernst? Und was wollen die? 2012 erschien das Debütalbum »Herz aus Gold« und zwei Jahre später »Monterey« – spröder Slowcore-Glam-Pop, unaufgeregt, schillernd und ein bisschen blasiert. Man kann nicht gerade sagen, dass Die Heiterkeit das Land in Flammen gesetzt hätten mit ihren Liedern über jene Momente des Lebens, die die meisten lieber liegen lassen, weil da nix von dem ist, wonach die meisten suchen: Euphorie, Ankommen, Geilsein.

Jetzt also »Pop & Tod I+II«. Es ist ja so: Mit dem ersten Album zeigt man, wer man ist, mit dem zweiten, dass man's ernst meint, und mit dem dritten, was man drauf hat. Und jetzt muss der Infotextverfasser ein bisschen an sich halten, denn »Pop & Tod I+II« ist das, was man einen Wurf nennt, ein großes Werk, meinetwegen Meisterwerk. Man kann dieses Album lesen wie einen Roman, wahrscheinlich ist es ein Konzeptalbum, weil alles ineinandergreift und sich fortentwickelt, auf jeden Fall hat es so was noch nicht gegeben, nicht mit dieser Haltung in deutscher Sprache, und das, was es ist, brauchen wir gerade jetzt. Wie das schon losgeht: Der erste Song ein Schweben, nur Klavier, Synthiefläche und Stella Sommers sonore Stimme: »Die Bäume sind gewachsen / Die Vögel sind geflogen / Da, wo ich wohne, ist es immer kalt kalt kalt.« Der zweite Song, »Betrüge mich gut«: »Es ist so einfach für ein Mädchen wie mich zu lügen / Es hat nichts mit dir zu tun / Ich will dich leichter verlieren können / Du kannst dich zwischendurch ausruhen.« Entschuldigen Sie bitte, aber das ist eine Staffel Girls in vier Zeilen! Der dritte Song macht dann kurz mal klar, was die angemessene Haltung ist gegenüber einer immer komplexeren Welt, in der es keine einfachen Antworten gibt: »Im Zwiespalt mag ich euch so sehr […] / Im Zwiespalt find ich's angenehm / Distanz als Form von Nähe / die Blumen, die ich säe.« Und im vierten Stück kommt die Leichtigkeit, wegen der Die Heiterkeit nämlich dann doch keine doofe Diskursband sind, sondern eben kluger, lässiger Pop: »Es gibt Dinge, die man lernt, / und alles andere lässt man bleiben / Doch Baby Baby, schick es nach Panama City.«

Das ist der Gegenentwurf zum deutschsprachigen Kumpelrock und Durchhaltepop der jüngeren Zeit, der im schlimmsten Fall darauf hinausläuft, dass irgendwer »Wir sind das Volk« brüllt und Heil Hitler meint. Was der Infotextverfasser sagen will: Die Heiterkeit suchen keine Erlösung, sondern irrlichtern irgendwo zwischen Anziehung und Abstoßung, Verstehenwollen und Loslassen, Frustration und Kapitulation herum, und dabei strahlen sie eine Gelassenheit aus, die glücklich macht, weil sie alles mitdenkt, gegen jede Hysterie niemanden verarscht, und unverschämt oder verzweifelt genug ist, um im Mädchenchor zu singen: »Wenn es so weit ist, werden wir es wissen / Es kommt immer anders als gedacht / Es wird in Ordnung sein.«

Auch musikalisch stehen Die Heiterkeit in voller Blüte, haben sich in würdevoller Pracht entfaltet, wobei zu sagen ist, dass die Band angeführt wird von Stella Sommer, die singt, Gitarre spielt, die Texte schreibt und die Musik. Von der Urbesetzung ist nur noch sie übriggeblieben. Das einstige Trio ist nun ein Quartett bestehend aus Sonja Deffner (Jason & Theodor), Philipp Wulf (Messer), Hanitra Wagner (Oracles), die erst nach den Aufnahmen zur Band gestoßen ist, und eben Stella Sommer. Produziert hat das Album, wie schon »Monterey«, der berühmte Moses Schneider – nach einer Woche waren 18 Songs im Kasten und wahrscheinlich alle Beteiligten supergut drauf, zumindest klingt es nun, als hätte es Spaß gemacht. Da ist eine zauberhafte Zärtlichkeit in den Liedern, ein lässiger Minimalismus der Mittel – Mädchenchöre, Männerchöre, Melodien, Hooks und Harmonien! Und das alles irre unangestrengt. Zuweilen hat man das Gefühl, dass diese Musik gar nichts wirklich will, und das ist natürlich irritierend, denn das lässt viel Platz für eigene Gedanken, und damit muss man ja auch erstmal klarkommen. Und dann noch Zeilen wie diese: »Man ist immer allein«, »Es bröckelt vor sich hin«, »Schlechte Vibes im Universum«, »Es fällt mir immer auf / Es fällt mir immer runter / Es kommt immer was dazu.« Und ist das eigentlich Sarkasmus zum Schluss, wenn Stella Sommer singt: »Und es ist großartig / Sind wir jetzt alle zufrieden?« Und dann der Männerchor: »Haben die Kids es nicht einfach geliebt?« Was soll das denn heißen? Dass alles dann doch nur Pop ist, und am Ende sind wir alle tot?
Tino Hanekamp

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