Bonaparte

Bislang kannte man Bonaparte als Bühnenderwisch, als Bezauberer der Massen und Hohepriester. Mit „The Return Of Stravinsky Wellington“ hat Tobias Jundt nun bewiesen, was er vor allen anderen Dingen ist: einer der besten Songschreiber unserer Tage...
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Bislang kannte man Bonaparte als Bühnenderwisch, als Bezauberer der Massen und Hohepriester. Mit „The Return Of Stravinsky Wellington“ hat Tobias Jundt nun bewiesen, was er vor allen anderen Dingen ist: einer der besten Songschreiber unserer Tage.
Bisher machte es den Anschein, dass Rabatz und Entertainment bei Bonaparte zu jedem Zeitpunkt handlungsleitend seien. Nach dieser Lesart steht der Name Bonaparte für eine orgiastische Punk-Revue mit ganz viel Camp, Rausch und Sex. Und natürlich ist das Spiel mit Masken und sexueller Ambiguität tatsächlich ein großer Teil dessen, was der Schweizer Tobias Jundt in den vergangenen Jahren geschaffen hat. Trotzdem oder gerade deswegen müssen wir Bonaparte jetzt teilweise neu denken. Der Grund heißt „The Return Of Stravinsky Wellington“: Mehr Liebe, mehr Zeit, mehr Herz – das fünfte ist das bislang beste Bonaparte- Album überhaupt.
„Meine bisherigen Platten waren vor allem für die Nacht konzipiert, diese passt zu allen Situationen des Alltags“, sagt Tobias Jundt. Der Songschreiber ist inzwischen verheiratet, er hat zwei Kinder, zwei Katzen und Bonaparte ist zu einer Organisation herangewachsen.
Bonaparte hat alles ein bisschen zurückgedreht und die wichtigsten Menschen in seinem Leben erstmals direkt ins Herz seiner Songs geholt. Den Song „Fuck Your Accent“ - es geht um non-physischen Sex, eine Liebeserklärung an Sprache und die Komplexität menschlicher Ausdrucksformen - schrieb er beispielsweise gemeinsam mit seiner Frau, welche auch das Coverbild knipste. “Hey (Is For Horses)” wird aus der Sicht seiner Katze erzählt und seine zum damaligen Zeitpunkt fünfjährige Tochter singt das von ihr selber getextete „High Five In Your Face”. „Die Familie war immer schon mit auf Tour, jetzt ist sie auch im Studio mehr in den Mittelpunkt gerückt“, sagt Jundt. Hinzu kamen alte Freunde wie Siriusmo, Tim Fite, Kid Simius, sowie der Schlagzeuger Chris „Pow Pow“ Powell und Fat Freddy’s Drop, welche in Neuseeland die Bläser für „The Return Of Stravinsky Wellington“ einspielten. Abgemischt wurde schließlich mit dem bereits bei den zwei letzten Alben bewährten Andy Baldwin in Brooklyn, wo auch noch Valeska Steiner für Backing-Vocal-Aufnahmen vorbeikam.
Die Musik, die auf diese Weise entstanden ist, klingt nun einerseits anders als alles, was man bisher von diesem Mann kannte – und doch wieder sehr vertraut. Das Bemerkenswerte an dieser Musik ist nicht zuletzt ihre Unaufgeregtheit. Wie Bonaparte etwa mit „Melody X“ aus der Ruhe heraus ein großer Pop-Moment gelingt, das zeugt von wahrer Meisterschaft. Aber auch sonst ist es vor allem diese entspanne, souveräne Grundhaltung, welche die elf Songs eint. Denn „The Return Of Stravinsky Wellington“ ist ein Werk im allerbesten klassischen Sinne: das Album als Gesamtkunstwerk, bei dem eins ins andere greift.
„Now these days I’m feeling more like being myself / And that’s a good thing maybe you should try it yourself”, singt Tobias Jundt in “Halfway House“, einer zutiefst rührenden Liebesgeschichte in einer Entzugsanstalt. Und vielleicht ist es genau dieser Satz, der vor allem den grundsätzlichen Geist hinter diesem Album umreißt. Bonaparte ist da und mitten unter uns. Um die Welt zu beschreiben braucht er nicht viele Worte: „And the world goes tweet tweet, tweet tweet … yeah“, singt er etwa im bereits 2016 erschienenen Vorabsong
„White Noize“. Eine einzige Zeile, die die komplette politische und gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwei Jahre auf den Punkt bringt. Der unaufgeregte Gesang, die beinahe dahinperlende Melodie von „White Noize“ ist indes nicht so locker-entspannt wie sie klingt. Unter der Oberfläche brodelt eine tiefe Ohnmacht, die im dazugehörigen Supercut- Video, welches sich auf Facebook zum viralen Hit entwickelte, vollends auf den Punkt gebracht wird. Sie entspringt der aufrichtigen Sorge eines Mannes, der viel zu verlieren hat.
Das Private auf diesem Album wird politisch und andersrum. Im Song „Wolfenbüttel“ gelingt ihm etwas, das eigentlich unmöglich ist: Er haucht der ansonsten eher biederen niedersächsischen Kleinstadt tatsächlich Sex ein. Und nicht zuletzt geht es auf dem Album vor allem darum, nach Hause zu kommen. Davon erzählt die sanft verspielte Folk-Mediation
„Kinfolk“. Nie zuvor hat Tobias Jundt so viel Zeit, künstlerische Kraft und Liebe in ein Album investiert wie jetzt in „The Return Of Stravinsky Wellington“. Das facettenreiche Werk etabliert ihn endgültig als einen der besten Songschreiber unserer Tage.
Text: Torsten Groß

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