Andreas Dorau

Organisatorisch ist es den meisten Menschen nicht möglich einen schönen Abend mit Andreas Dorau zu verbringen. Daß auch Andreas Dorau eher wenig Interesse daran hat, mit "den meisten Menschen" einen "schönen Abend" zu verbringen, tut jetzt nichts zur Sache. Darum geht es hier nicht. Hier geht es darum, das man mit „Ärger mit der Unsterblichkeit“ keine Biographie im normalen, romanesken Sinn vor sich hat. Es ist eher eine Unterhaltung. Bei der aber nur einer redet. Weil er so viel zu erzählen hat und wir so gern zuhören – nicht aus anderen Labernerv-Gründen...
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Organisatorisch ist es den meisten Menschen nicht möglich einen schönen Abend mit Andreas Dorau zu verbringen. Daß auch Andreas Dorau eher wenig Interesse daran hat, mit "den meisten Menschen" einen "schönen Abend" zu verbringen, tut jetzt nichts zur Sache. Darum geht es hier nicht. Hier geht es darum, das man mit „Ärger mit der Unsterblichkeit“ keine Biographie im normalen, romanesken Sinn vor sich hat. Es ist eher eine Unterhaltung. Bei der aber nur einer redet. Weil er so viel zu erzählen hat und wir so gern zuhören – nicht aus anderen Labernerv-Gründen. Andreas Dorau hat sich endlich für das Buch bei willigen Zigaretten und bereitem Kaffee an seine ersten vorbildlosen 19 Jahre als Popstar erinnert. Und der absichtlich anwesende Sven Regener hackte diese ganzen Anekdoten und Ansichten und Erinnerungen live in seine Schreibmaschine. So mittelbar und direkt wie das klingt, ist auch der Sound des Kompendiums. Genau so würde auch Dir Andreas Dorau sein Leben, sein Verständnis von Kunst, seine Ab- oder Zuneigung zu Pop und der Musik oder seine Unbill in der Musikindustrie nahe bringen. Du hörst Dir seine glasharten unprätentiösen Meinungen mit diebischem Vergnügen und größter Freude an, weil Du ahnst, dass er meistens recht hatte – ganz egal ob er scheiterte oder Erfolg hatte. Und nicht die mittleren Schergen des Wichtigen, Wahren oder Nachhaltigen. Andreas Dorau galt und gilt als widerspenstig, niedlich, unreif, wagemutig, stur, beratungsresistent, irre, süß, verrückt, eigen, schlau, romantisch, konsequent, unsicher, bestimmend, schüchtern, laut, bescheuert und ideenreich wie ein ausgehungerter Fuchs – das stimmt natürlich alles. Er war und ist Zwei-Hit-Wunder, Kinderstar, Ein-Film-Macher, Kunsttype, Lyriker, Wolf im Schafspelz, moderner Naiver, Nichtsänger, Mythos, Playback-Mann, Ärgerpatient, Avantgardist, Rampensau, Vermeider, Anti-Hippie und zugleich Anti-Punk, internationaler Popstar, Kassengift, Antipode, Pastorensohn und ausgebuffter Saukerl - auch das stimmt natürlich alles. Man kann schon sagen: Er ist im hauptstromigen Sinn nicht einzuordnen und gerade in seiner scheinbaren Harmlosigkeit sagenhaft exzentrisch. Was ihm selbstredend egal ist, das müsste auch einem Nicht-Dorauaner nach diesen wenigen Worten bereits klar sein. „Hauptsache ich“ nannte er seine Best of-Compilation. Andreas Dorau ist eine Figur größten Wirkungs-Ausmaßes, dessen Vision von Kunst extrem kompromisslos und unkommod die Menschen dazu zwingt, zweimal hinzuschauen, dreifach nachzudenken und sich immer wieder tiefbewegt eine Träne der Rührung aus dem Knopfloch zu wischen. Außerdem: Wenn ihm nichts einfällt, fällt den anderen noch weniger ein. Wer wissen will, wie ernsthaft lustig und lächerlich ernst man sein Leben auf dem schwankenden Ast der Kultur eigentlich ausbalancieren kann, sollte sich einen schönen Abend mit Andreas Dorau machen. Also mit dem Buch „Ärger mit der Unsterblichkeit“. Allen anderen kann sicher die weltweite Entertainmentindustrie auch ein Angebot machen. Gereon Klug

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