Anfang der 90er Jahre gründeten wir in Berlin die Agentur Powerline. Die Musikindustrie musste den Begriff "Krise" noch im Fremdwörterlexikon nachschlagen, und es herrschte ein ungläubiges Staunen darüber, dass sich mit Nirvana eine Band aus den kleinen Clubs direkt auf die großen Festivalbühnen katapultiert hatte. Auch war Punkrock noch nicht endgültig im Mainstream angekommen. Wir benannten unsere Agentur nach einem Hüsker-Dü-Song und verorteten uns irgendwo im weiten Feld zwischen D.I.Y. und schnödem Kleinunternehmertum. Touren für amerikanische Undergroundbands wie Samiam und Green Day wurden veranstaltet und gleichzeitig eine gewisse Vorliebe für Bands, die später einmal als Hamburger Schule kanonisiert wurden, entwickelt: Die Sterne, Blumfeld, Tocotronic und irgendwie auch Die Goldenen Zitronen. In der oberbayrischen Provinz war eine eigenständige und eigensinnige Musikszene entstanden, die das englische Magazin The Wire überrascht fragen ließ: "Is Weilheim the new Seattle?" The Notwist, Console und das Tied + Tickled Trio beackerten unterschiedlichste musikalische Felder, von Post-Hardcore über Electro bis zu modalem Dub-Jazz. Für alle drei Acts buchten wir die ersten Tourneen und mit allen arbeiten wir seit inzwischen mehr als 15 Jahren zusammen. Eine Sonderstellung hatte in Berlin schon immer das kosmopolitische Duo Stereo Total. Seit Ende der 90er touren Françoise Cactus und Brezel Göring weltweit, und wir sind stolz, dass wir seit dieser Zeit die Karriere der beiden managen dürfen. Um die Jahrtausendwende entwickelte sich hier in Berlin rund um die Galerie Berlin-Tokyo eine quirlige und international relevante Musikszene. Angeführt wurde diese von den Gastgebern Jeans Team. In einem immer überfüllten Hinterhofkeller improvisierten Peaches und Gonzales ihre ersten Shows, für beide buchten wir in den nächsten Jahren alle internationalen Touren. Wie ein Magnet zieht Berlin seitdem internationale Künstler an, und für viele, die heute weltweit mit Berlin assoziiert werden, wie The Whitest Boy Alive, stehen wir als Agentur. In 2011 konnten wir mit Jens Oberthür einen weiteren erfahrenen Agenten in unserem Büro begrüssen. Mit ihm zog sein illustrer Artist Roster bei uns ein, mit Bands wie Apparat, Bonaparte, Junip oder Animal Collective. Immer öfter verlassen wir auch das rein musikalische Terrain. Wir betreuen SchriftstellerInnen wie Christiane Rösinger, Heinz Strunk oder Oliver Polak und gehen auf Theater- und andere Bühnen mit Stermann & Grissemann und Studio Braun. Zudem erweiterten wir unser kleines Firmenportfolio Mitte der 90er um den Flirt99 Musikverlag. Hier ist der Raum, um unsere umfangreichen Erfahrungen aus dem Musikgeschäft einzubringen. Das, was in der Businesssprache "Artist Development" heißt, ist bei Flirt99 nicht selten auch das Ergebnis langjähriger Freundschaften. Fast panisch und mit zweifelhaften Strategien versuchen dagegen heute die börsennotierten Musikkonzerne Künstler an sich zu binden. Dass man mit solchen Konzepten nicht aus der zum guten Teil hausgemachten Krise hinauskommt, ist eh klar. Wir arbeiten derweil lieber weiter engagiert und langfristig mit jungen und schlaueren Bands und Künstlern zusammen. Wie Ja, Panik, Chuckamuck, Sizarr oder die tolle Dillon. Denn auch wenn es oft so suggeriert wird, die Krise der Musikindustrie ist noch lange keine Krise der Musik.